Surfboards made in Germany

Vor 30 Jahren hat Malte Schreer die Faszination des Wellenreitens gepackt. Seitdem dreht sich vieles in seinem Leben um die Liebe zum Surfen. In Koblenz lebend hat der 46-jährige aus der (Wellen) Not eine Tugend gemacht. Unter dem Label Bliss Boards verkauft er Surfboards aus Holz. Handgefertigt und umweltschonend produziert. Im Interview mit Local-Surf verrät er unter anderem, warum er trotz Erfolges sein Geschäft aufgeben will und wie die zunehmende Kommerzialisierung den Sport verändert.

Gefangen im Landesinneren ohne die Aussicht auf Surfen. Was tust du um deiner Passion trotzdem nachzugehen?

Vor einigen Jahren habe ich als Ergänzung und als Ersatzdroge mit Stand Up Paddling und SUP Surfing angefangen, um überhaupt auf dem Wasser zu sein und fit zu bleiben. Wir leben in Koblenz direkt am Wasser und haben hier mit Rhein, Mosel und Lahn sehr reizvolle Flüsse, die man damit toll entdecken kann. Manchmal reicht es schon, einfach nur für zehn Minuten auf einem Stand-Up-Paddle-Board zu stehen, manchmal sind es auch lange Touren, auf denen man einen super Ausgleich zum Alltag hat. Ein paar Jahre lang habe ich in Koblenz ein SUP-Camp an der Mosel gehabt, wo wir Boards vermietet und den Sport anderen auch vermittelt haben. Das war toll, weil Koblenz eine Anlaufstelle für SUP-Leute und Surfer hatte. Der Austausch war cool, eine wirklich gute Zeit war das.

Und die tägliche Sehnsucht nach Wellen hat dich dann auch beruflich beeinflusst oder?

Genau. Ich befasse mich schon seit langer Zeit mit der Historie des Surfens. Dadurch bin ich irgendwann natürlich mit Alaias in Berührung gekommen. Aus diesen finnenlosen Vollholzplanken haben sich später die Surfboards entwickelt. Was mich an den Alaias so fasziniert, ist die Einfachheit. Holz pur, traditionell kein Volumen, das für Auftrieb sorgt, alles lediglich mit Säge, Hobel und Schleifpapier gefertigt. Das war so spannend für mich, dass ich damit begonnen habe, diese ursprünglichen Surfboards in verschiedenen Längen und Shapes selbst zu bauen.

Durch einen Blog, Facebook und Instagram wurden die Alaias und Paipos, die vorwiegend aus Paulownia-Holz gerfertigt werden, recht bekannt in der Szene. Mit BLISS Boards habe ich dann eine Marke Ins Leben gerufen, die für diese extreme Nische überraschender Weise gut lief. Ohne Werbung war dann auf einmal ein Markt da: Plötzlich kamen Anfragen aus Kalifornien, Australien und von den Philippinen für die Boards oder das komplett umweltverträgliche Surfwax, das ich gekocht habe. Bezeichnend irgendwie, weil beim Surfen so unglaublich viel möglich ist. Da steckt eine solche Energie dahinter, so viel Leidenschaft und Freude. Und wenn du in deiner Werkstatt oder im Hof steht und ein Board baust, dann bist du dem Meer im Kopf schon ziemlich nah.

Wie beurteilst du die zunehmende Kommerzialisierung des Sports?

Ich sehe das mit gemischten Gedanken. Die Kommerzialisierung kommt für mich nicht überraschend, sie nimmt auch immer weiter an Fahrt auf. Beruflich habe ja selbst mit Marketing zu tun und beobachte somit nicht nur die Entwicklung auf der Seite der Surfindustrie, sondern nehme fast täglich den Stellenwert des Surfens auch in der Werbung wahr. Die Industrie nutzt das positive, von Freiheit geprägte sportive Image. Kaum transportiert wird dabei aber die Philosophie, dieses authentische Lebensgefühl. Das schlägt sich natürlich auch auf die Entwicklung der Surfindustrie nieder. Und dass viele ein großes Stück von der Torte abhaben wollen, ist ja klar. Dagegen ist an und für sich auch nichts einzuwenden. In vielen Shops und vor allem in unzählig unsäglichen Online-Shops wird das schnell deutlich. Aber das ist der Gang der Dinge. Dort, wo Nachfrage ist, gibt es ein Angebot. Und genau das wird immer größer, ist kaum mehr zu überblicken. Glücklicher Weise gibt es, auch bei uns in Deutschland, wirklich großartige Surf-Shops. Die sich vom Druck der Hersteller und Distributeure nicht zu sehr unter Druck setzen lassen, um jedem Trend hinterher zu rennen. Besonders Anfängern empfehle ich, sich dort beraten zu lassen, Boards auch mal in die Hand zu nehmen. Und es dann letztendlich auch dort zu kaufen und eben nicht im Internet, nur um zu sparen. Damit wird leider viel zerstört.

Veränderungen also, die vielleicht sogar den ursprünglichen Spirit des Surfens gefährden?

Insgesamt hatte ich stark das Gefühl, dass der Spirit immer weiter auf der Strecke bleibt. Surfen hatte früher auch mehr einen wild-romantischen Touch, den ich heute weniger wahrnehme. Hinzu kommt natürlich auch noch, dass es heute wichtig ist, auf Fotos cool auszusehen und viele Likes zu sammeln. Den Verlust der anfänglichen Lässigkeit habe ich extrem beim SUP mitverfolgen können – diese Beobachtung war uncool. Wenn das Material in den Vordergrund rückt und die Leidenschaft an sich zur Nebensache wird, dann muss die Frage erlaubt sein, ob man bereit ist, diesen Weg mitzugehen. Ich bin mir selbst auch nicht sicher, ob ich die stehenden Wellen, die gerade überall entstehen, bedingungslos geil finden soll.

Inzwischen habe ich mich selbst von vielem verabschiedet. Von Material wie auch Verpflichtungen. Ich vermiete in diesem Jahr nichts mehr, den Shop habe ich im letzten Jahr geschlossen. Boards baue ich nur noch, wenn ich wirklich Lust darauf habe und Zeit dafür da ist. Ich bin also froh, selbst kein Teil dieser Maschinerie mehr zu sein. Dennoch denke ich, dass es wichtig ist, dass jeder einen guten Zugang zum Surfen haben sollte, weil es guttut und vieles positiv beeinflusst.

Foto: Salomé Weber
Foto: Salomé Weber

Was bedeutet dir Surfen? Was macht für dich den Reiz des Surfens aus?

Darüber denke ich eigentlich nur nach, wenn ich danach gefragt werde. Letztendlich gibt es weniges, was mich so in seinen Bann gezogen, mich beeinflusst und nie losgelassen hat. Am Ende steht da das Surfen als großes Ganzes. Die Reise, die damit verbunden ist. Die Freunde, die man trifft. Und dieser Reiz, der entsteht, bevor man ans Wasser geht, irgendwann zu gleiten beginnt und dann plötzlich mitten drin ist und die Zeit stehen bleibt. Das prägt. Und tut unwahrscheinlich gut.

Besonders ist für mich beim Surfen die Mischung aus Meditation, Natur und diesem Fluss, in den man gerät. In dem Augenblick, in dem dich die Welle beginnt anzuschieben, wird alles andere klein. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber letzten Endes ist es dieses magische Gefühl von niemals endender Freiheit innerhalb eines Moments.

Wie lange surfst du schon?

Am Ende meiner Schulzeit wollte ich mit meinem Bruder mit Interrail unter anderem an die Französische Atlantikküste. Moliets, Biarritz und so. Letzten Endes sind wir dann mit unseren Eltern dorthin gefahren, die sich direkt in Hossegor am Strand ein Haus gemietet hatten. Ole und ich kauften uns dort dann auch unser erstes gebrauchtes und damals schon ziemlich abgewracktes Surfboard. Das Shortboard war zwar viel zu klein für uns Süßwassermatrosen, aber so groß in der Herausforderung, dass es mich vollkommen gepackt hat. Das muss jetzt 30 Jahre her sein. Die Planke habe ich heute noch.

Wer oder was hat dich zu Surfer gemacht?

Die enge Beziehung zum Wasser ist wohl verantwortlich dafür, dass ich mit dem Surfen angefangen habe. Wir haben als Kinder schon immer sehr viel Zeit am Wasser verbracht, waren mit der Familie in den Ferien irgendwie ausnahmslos in Dänemark unterwegs. Ich selbst komme ja ursprünglich aus dem Norden, da hatten wir es damals nicht so weit. Anfangs sind wir mit einem kleinen Boot auf dem Meer unterwegs gewesen, später kam das Paddeln dazu. Erst mit dem Kanadier, später mit selbstgebauten Kajaks. Unbeschwerte Kindheit und so. Das war toll für uns! Naja, dann mit ca. 16, 17 dann das erste Surfboard.

Hast du einen Lieblingsspot?

Einen wirklichen Lieblingsspot habe ich nicht. Ich mag den französischen Atlantik sehr, vor allem im Süden wegen der Landschaft. Auch in Portugal habe ich mich sehr wohl gefühlt. In Dänemark liebe ich das Nordjütland sehr, vor allem die Strände sind phantastisch. Klitmøllerist natürlich mega cool – man trifft dort immer irgendwelche Bekannten – aber oft eben auch sehr voll. Etwas weiter nördlich in Richtung Løkken geht es viel ruhiger zur Sache.

Mit meiner Frau Anika bin ich Jahr für Jahr in Kalifornien. Dort haben wir entlang der Westküste auch faszinierende Spots entdecken dürfen. Klassiker ist natürlich Malibu’s First Point, aber da hängen wir oft nur ab, um zu gucken. Es ist schrecklich voll manchmal. Viel entspannter geht es zu an Point Dume, Zuma Beach und so. Allerdings scheppert es dort am Beach manchmal gewaltig – uns ist dort im Shorebreak auch schon das eine oder andere zerbrochen.

Und welche Spots haben am meisten Eindruck hinterlassen?

Einer der schönsten Spots, die ich besuchen durfte, war ein kleiner Spot nahe Matapalo auf der Osa Peninsula in Costa Rica. Das war für mich pures Abenteuer. Dort durfte ich Freunde besuchen, die das große Glück haben, am Rande des Dschungels leben zu können. Da krabbelt schon sehr viel Getier durch die Gegend, das muss einem liegen. Dir springen dort die Affen wortwörtlich aufs Dach. Direkt hinter der winzigen Hütte, die ich bewohnen durfte, lauern Alligatoren, Papageien bereiten dir durch ihr Geschrei schlaflose Nächte. Als ich zurück nach Hause flog, hat mich dieser Natur-Flash am Flughafen in San José erst mal zum Heulen gebracht, so beeindruckend war das für mich. Du stehst da mit dem Sonnenlicht auf, gehst mit einem Kaffee und Board unter dem Arm nur 50m an den Strand und nimmst dann mit der aufgehenden Sonne eine Welle, die dich glücklich macht. So kann man’s machen…

Abschließend die Frage aller Fragen: Wie oft im Jahr kommst du ins Wasser?

Jedes Jahr versuchen wir zumindest zweimal ans Meer zu kommen. Meistens ist es der Mix aus einmal Dänemark und im Herbst eben Süd-Kalifornien. Mehr Zeit an der See ist zeitlich leider nicht drin – aber zum Glück haben wir Zuhause das Wasser direkt vor der Nase, auf dem ich oft unterwegs bin.

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Mehr zu Malte, seinen Surfboards und seinen anderen Projekten gibts hier, auf seiner persönlichen Instagram-Seite und auf der Instagram-Seite von Bliss-Surfboards.

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